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Betankt

Die 70er Jahre. Ich war etwa fünf Jahre alt und saß auf dem Rücksitz unserer zweiten oder dritten roten Ente. Die A66 war noch eine ziemlich neue Betonplatten-Autobahn und endete außerhalb von Wiesbaden-Frauenstein. Von der Abfahrt konnte man sich zum Rhein hin wenden; dort war eine Tankstelle – oder man fuhr Richtung Frauenstein, wo mitten im alten Ortskern eine Mini-Tankstelle mit Tankwart zu finden war.

Ich liebte diese Tankstelle im 50er-Look mit Kassenhäuschen und zwei Zapfsäulen. Der Tankwart war mir nicht ganz geheuer, aber meine Mutter liebte es an die Säule zu fahren und um das Volltanken zu bitten. Anschließend schlenderten wir auf das Kassenhäuschen zu während der Tankwart mit dem kleinen Zettel nachkam, auf dem die gezapfte Menge Benzins aufgedruckt war – dieses Zettelchen fiel aus einem kleinen Schacht seitlich der Zapfsäule; feinsäuberlich mit Datum versehen.

An der Tankstelle gab es wahnsinnig viele tolle Dinge zu sehen – Keilriemen, Öle, Zündkerzen. Reinigungsmittel, Lämpchen in allen Farben und Formen. Und über allen lag der Geruch von frischem Öl und Benzin. Metall und Linoleum, beleuchtet von Neonröhren, Wischerblätter in unendlichen Varianten. Und ein Verkaufsständer mit Batterien.

Meine Mutter zahlte und wir gingen wieder zu unserer Ente. Begeistert sah ich, wie an der anderen Zapfsäule der Tankwart das hintere Nummernschild eines riesenhaften Opel herunterklappte und dort die Zapfpistole einhängte. Ich war zutiefst beeindruckt.

Wenn weniger los war, reinigte der Tankwart unaufgefordert und mit großem Geschick die Windschutzscheibe während er die Frage stellte, ob er mal nach Öl und Luftdruck schauen solle. Wenn man das zu oft verneinte, wies er darauf hin, dass er das nun schon lange nicht mehr getan habe und das gefahrene Auto nach soundsoviel Kilometern einen Ölwechsel brauche.

Eine Tankstelle war immer ein Ort mit einer Hebebühne – denn die meisten Autos brauchten regelmäßig einen Schmierdienst, damit alle Fahrwerksteile geschmeidig blieben. Die Kenntnisse eines Tankwarts waren vielfältig – und äußerst serviceorientiert.

Das Benzin kostete weniger als eine Mark pro Liter – und natürlich fand man das unglaublich teuer. Der Tankwart freute sich über ein Trinkgeld, das spätestens ab dem Öl- und Luftcheck obligatorisch war. Bedient wurden auch jene, die kein Trinkgeld gaben. Wem dieser Service lästig war, suchte eine der ersten Selbstbedienungstankstellen auf. Doch in der Nähe unseres Wohnortes gab es keine.

Und heute?

Die Deutschen glauben von sich, dem Auto zu huldigen. Aber sie tun es nur noch bei der Anschaffung. Rundherum sieht man nur emotionslosen, technischen Umgang. Prozessorientierung. Vollkommene Langeweile.

Der Liter Benzin kostet, wenn man – tagesaktuell – Pech hat und bei Shell tankt, 1,74 Euro. Das sind 3,40 DM. Mein Opa sagte immer, dass er aufhört Auto zu fahren, wenn der Liter mehr als 1,50 DM kostet. Ich höre sein hustendes Lachen während ich das hier tippe.

Für diese drei Mark vierzig bekomme ich drei Minuten Aufenthalt an einer murrenden Zapfsäule die offenkundig in den letzten vier Monaten keinen Reinigungslappen gesehen hat und darf meine Finger mit den Dieselresten anderer Benutzer beschmutzen. Die „Dieselhandschuhe“ sind gerade mal wieder aus. Wenn ich möchte, kann ich den Shell-ein-Euro-Jobber bitten, das Tanken für mich zu erledigen. Das kostet aber extra. Shell, der menschenfreundliche Konzern, gibt mir also Gelegenheit, etwas für das Fortkommen dieses armen Teufels zu tun. Vermutlich ist der Mitarbeiter billiger für Shell als das Nachfüllen des Dieselhandschuh-Spenders.

Wenn ich getankt habe, ist gerade noch geduldet, dass ich bezahle. Eigentlich soll ich ganz schnell die Säule wieder freimachen. Menschen, die diesen Druck spüren und die Zapfsäule freimachen bevor sie zahlen, lösen Panik im Kassenhaus aus: „DA WILL EINER SPRIT STEHLEN!“ Zum Glück sind überall Kameras die festhalten, was ich wie lange an der Tankstelle treibe.

Betrete ich in den Kassenraum, kann ich alles kaufen; außer Autozubehör. Keine Lämpchen (kann man eh’ nicht selbst wechseln), Keilriemen (weiß keiner mehr, dass die in Autos sind – passiert ja alles unter Plastikabdeckungen) – nur Öle, die etwa so teuer wie Inkjet-Tinte sind. Üblicherweise verlasse ich nach dem Zahlen zügig das Gelände.

Manchmal rolle ich noch zum Luftdruckprüfen.

Aufgewachsen bin ich mit diesen klobigen tragbaren Schwanenhalsgeräten – superschwer; eine große Rundanzeige und je ein gummierter Plus- und ein Minus-Knopf. Der Schwanenhals dient als Tragegriff und als Befüllungsrohr. Das Gerät strahlt aus: Bringe mich dahin zurück, wo du mich hergeholt hast, damit ich mich wieder befüllen kann!

Immer wieder kommt es aber vor, dass ich vor leeren Aufnahmestellen stehe. Da waren sie mal, die grauen Geräte. Aber nun sind sie weg. Hin und wieder soll ich einen unendlich unhandlichen, schlaufenwerfenden Endlos-Druckluftschlauch in weiten Kreisen um mein Auto zerren, das Teil anschließen um dann in fünf Metern Entfernung auf eine Digitalanzeige starren, die mir sagt, welcher Druck im Reifen herrscht. Ändern kann ich am Reifen nichts daran. Also auf zur Anzeige! Dort +/– drücken bis es passt, dann wieder zum Reifen. Druckluftschlaufen bändigen, umstecken, wieder zu den +/– Tasten pilgern. Viermal hintereinander.

Und heute lese ich, dass man dieses Erlebnis sogar noch unerfreulicher machen kann:

Shell möchte, dass ich in diesem Drecksautomaten, jenem Automaten, den, als ich Kind war, kein Autofahrer selbst bedient hat – WEIL MAN SICH DIE FINGER AN DEN RÄDERN FÜR ALLE ZEITEN DRECKIG MACHT –  einen Euro einwerfe, damit ich den Reifendruck korrigieren kann. Aber schnell bitte. Nach fünf Minuten ist Schluss. Ich stelle fest:

Das Unternehmen Shell hat endgültig aufgehört, für seine Kunden da zu sein.

Nun gut. Da Shell-Tankstellen in meiner Umgebung stets 12 Cent/Liter mehr von mir haben wollen als alle anderen, ist es nicht schwer, künftig mit einem schallenden Lachen an Shell-Tankstellen vorbeizufahren. Vermutlich lasse ich in Zukunft noch die Fenster herab, fahre langsamer, hupe hektisch und schreilache noch etwas lauter als vorher.

Das habt ihr euch verdient.