#Neuland

Eine unterhaltsames Merkel-Bashing setzte ein, nachdem sie auf der Obama-Pressekonferenz das Internet als "Neuland" bezeichnete. Ja, man kann sich trefflich darüber lustig machen. Ja, sie dürfte eigentlich gemeint haben, dass die gesellschaftspolitische Steuerung dessen, was im Internet passiert, für die Politik Neuland ist.

Das Problem ist: Diese Bemerkung zeigt, wie wenig sich die Politik bisher mit den gesellschaftspolitischen Auswirkungen des Internets auseinandergesetzt hat. Es offenbart, dass die Riege der 50plus-Jährigen verkennt, wie schnell Entwicklungen in diesem Umfeld ablaufen. Und das ist wirklich, wirklich schlimm.

Fakt ist, dass die Wahrnehmungswirklichkeit zwischen der Fraktion RohrpostTelefon und der Netzgeneration so weit auseinander gedriftet ist, dass Erstere nicht mal merkt, wenn sie etwas Lustiges sagt und Zweitere in einer Welt aufgewachsen ist, die es noch nie erforderte, einen Gegenstand physisch zu versenden (Brief vs. Mail) oder sich an einen bestimmten Ort zu begeben, um in direkte Kommunikation mit einem anderen Menschen zu kommen (Festnetz-Telefon vs. Mobilfunk-Skype).

#neuland

Frau Merkel hat sich also – ich unterstelle: sehr bewusst – selbst der Lächerlichkeit preisgegeben. Niemand erwartet, dass sie technisch immer am Puls der Zeit ist. Aber sie ist gut beraten, zu erkennen, dass sie und ihre Regierung sich in beschämender Weise zuwenig um die politische Bedeutung der sich durch das Internet verändernden Welt gekümmert zu haben.

Ja, es gibt viele Menschen, für die das Internet Neuland ist. Aber es ist Aufgabe der Politik, diese Menschen an das Internet heranzuführen, sie fit zu machen, die Möglichkeiten aktiv zu nutzen.

Angstgeleitete Überwachung ist sicherlich der falsche Weg, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Das Netz geht nicht mehr weg. Es muss gegen Missbrauch durch Wirtschaftsinteressen und Abhöraktionen sicher gemacht werden. Es muss endlich in seiner politischen Bedeutung erkannt und als gesellschaftstragendes Medium geschützt werden.

Betankt

Die 70er Jahre. Ich war etwa fünf Jahre alt und saß auf dem Rücksitz unserer zweiten oder dritten roten Ente. Die A66 war noch eine ziemlich neue Betonplatten-Autobahn und endete außerhalb von Wiesbaden-Frauenstein. Von der Abfahrt konnte man sich zum Rhein hin wenden; dort war eine Tankstelle – oder man fuhr Richtung Frauenstein, wo mitten im alten Ortskern eine Mini-Tankstelle mit Tankwart zu finden war.

Ich liebte diese Tankstelle im 50er-Look mit Kassenhäuschen und zwei Zapfsäulen. Der Tankwart war mir nicht ganz geheuer, aber meine Mutter liebte es an die Säule zu fahren und um das Volltanken zu bitten. Anschließend schlenderten wir auf das Kassenhäuschen zu während der Tankwart mit dem kleinen Zettel nachkam, auf dem die gezapfte Menge Benzins aufgedruckt war – dieses Zettelchen fiel aus einem kleinen Schacht seitlich der Zapfsäule; feinsäuberlich mit Datum versehen.

An der Tankstelle gab es wahnsinnig viele tolle Dinge zu sehen – Keilriemen, Öle, Zündkerzen. Reinigungsmittel, Lämpchen in allen Farben und Formen. Und über allen lag der Geruch von frischem Öl und Benzin. Metall und Linoleum, beleuchtet von Neonröhren, Wischerblätter in unendlichen Varianten. Und ein Verkaufsständer mit Batterien.

Meine Mutter zahlte und wir gingen wieder zu unserer Ente. Begeistert sah ich, wie an der anderen Zapfsäule der Tankwart das hintere Nummernschild eines riesenhaften Opel herunterklappte und dort die Zapfpistole einhängte. Ich war zutiefst beeindruckt.

Wenn weniger los war, reinigte der Tankwart unaufgefordert und mit großem Geschick die Windschutzscheibe während er die Frage stellte, ob er mal nach Öl und Luftdruck schauen solle. Wenn man das zu oft verneinte, wies er darauf hin, dass er das nun schon lange nicht mehr getan habe und das gefahrene Auto nach soundsoviel Kilometern einen Ölwechsel brauche.

Eine Tankstelle war immer ein Ort mit einer Hebebühne – denn die meisten Autos brauchten regelmäßig einen Schmierdienst, damit alle Fahrwerksteile geschmeidig blieben. Die Kenntnisse eines Tankwarts waren vielfältig – und äußerst serviceorientiert.

Das Benzin kostete weniger als eine Mark pro Liter – und natürlich fand man das unglaublich teuer. Der Tankwart freute sich über ein Trinkgeld, das spätestens ab dem Öl- und Luftcheck obligatorisch war. Bedient wurden auch jene, die kein Trinkgeld gaben. Wem dieser Service lästig war, suchte eine der ersten Selbstbedienungstankstellen auf. Doch in der Nähe unseres Wohnortes gab es keine.

Und heute?

Die Deutschen glauben von sich, dem Auto zu huldigen. Aber sie tun es nur noch bei der Anschaffung. Rundherum sieht man nur emotionslosen, technischen Umgang. Prozessorientierung. Vollkommene Langeweile.

Der Liter Benzin kostet, wenn man – tagesaktuell – Pech hat und bei Shell tankt, 1,74 Euro. Das sind 3,40 DM. Mein Opa sagte immer, dass er aufhört Auto zu fahren, wenn der Liter mehr als 1,50 DM kostet. Ich höre sein hustendes Lachen während ich das hier tippe.

Für diese drei Mark vierzig bekomme ich drei Minuten Aufenthalt an einer murrenden Zapfsäule die offenkundig in den letzten vier Monaten keinen Reinigungslappen gesehen hat und darf meine Finger mit den Dieselresten anderer Benutzer beschmutzen. Die „Dieselhandschuhe“ sind gerade mal wieder aus. Wenn ich möchte, kann ich den Shell-ein-Euro-Jobber bitten, das Tanken für mich zu erledigen. Das kostet aber extra. Shell, der menschenfreundliche Konzern, gibt mir also Gelegenheit, etwas für das Fortkommen dieses armen Teufels zu tun. Vermutlich ist der Mitarbeiter billiger für Shell als das Nachfüllen des Dieselhandschuh-Spenders.

Wenn ich getankt habe, ist gerade noch geduldet, dass ich bezahle. Eigentlich soll ich ganz schnell die Säule wieder freimachen. Menschen, die diesen Druck spüren und die Zapfsäule freimachen bevor sie zahlen, lösen Panik im Kassenhaus aus: „DA WILL EINER SPRIT STEHLEN!“ Zum Glück sind überall Kameras die festhalten, was ich wie lange an der Tankstelle treibe.

Betrete ich in den Kassenraum, kann ich alles kaufen; außer Autozubehör. Keine Lämpchen (kann man eh’ nicht selbst wechseln), Keilriemen (weiß keiner mehr, dass die in Autos sind – passiert ja alles unter Plastikabdeckungen) – nur Öle, die etwa so teuer wie Inkjet-Tinte sind. Üblicherweise verlasse ich nach dem Zahlen zügig das Gelände.

Manchmal rolle ich noch zum Luftdruckprüfen.

Aufgewachsen bin ich mit diesen klobigen tragbaren Schwanenhalsgeräten – superschwer; eine große Rundanzeige und je ein gummierter Plus- und ein Minus-Knopf. Der Schwanenhals dient als Tragegriff und als Befüllungsrohr. Das Gerät strahlt aus: Bringe mich dahin zurück, wo du mich hergeholt hast, damit ich mich wieder befüllen kann!

Immer wieder kommt es aber vor, dass ich vor leeren Aufnahmestellen stehe. Da waren sie mal, die grauen Geräte. Aber nun sind sie weg. Hin und wieder soll ich einen unendlich unhandlichen, schlaufenwerfenden Endlos-Druckluftschlauch in weiten Kreisen um mein Auto zerren, das Teil anschließen um dann in fünf Metern Entfernung auf eine Digitalanzeige starren, die mir sagt, welcher Druck im Reifen herrscht. Ändern kann ich am Reifen nichts daran. Also auf zur Anzeige! Dort +/– drücken bis es passt, dann wieder zum Reifen. Druckluftschlaufen bändigen, umstecken, wieder zu den +/– Tasten pilgern. Viermal hintereinander.

Und heute lese ich, dass man dieses Erlebnis sogar noch unerfreulicher machen kann:

Shell möchte, dass ich in diesem Drecksautomaten, jenem Automaten, den, als ich Kind war, kein Autofahrer selbst bedient hat – WEIL MAN SICH DIE FINGER AN DEN RÄDERN FÜR ALLE ZEITEN DRECKIG MACHT –  einen Euro einwerfe, damit ich den Reifendruck korrigieren kann. Aber schnell bitte. Nach fünf Minuten ist Schluss. Ich stelle fest:

Das Unternehmen Shell hat endgültig aufgehört, für seine Kunden da zu sein.

Nun gut. Da Shell-Tankstellen in meiner Umgebung stets 12 Cent/Liter mehr von mir haben wollen als alle anderen, ist es nicht schwer, künftig mit einem schallenden Lachen an Shell-Tankstellen vorbeizufahren. Vermutlich lasse ich in Zukunft noch die Fenster herab, fahre langsamer, hupe hektisch und schreilache noch etwas lauter als vorher.

Das habt ihr euch verdient.

Was willst du?

Ein agenturinterner Reklame-Dialog

Wenn Menschen unvorbereitet den Auftrag, den sie empfangen haben, in dich weiterkotzen, klingt das so:

„Ich brauche mal das Logo!“

„Welches?“

„Das hier vom Kunden.“

„Habe ich nicht.“

„Das ist bei der Firma xxx“

„Dann sollen die es dir geben.“

„Und ich brauche dieses Logo hier.“

„Welches genau? Da gibt es 1.000 Varianten.“

„Na das, was in der Broschüre xxx der Firma yyy verwendet wurde.“

„Du meinst, es gibt schon ein Produkt auf einem fremden Server, das ich suchen soll? Wo ist das genau?“

„Ach, ich frage jemand anderen.“

„Schüss!“

Besser wäre gewesen:

[Nachdenken]

„Ich habe hier eine Broschüre. Die hat Firma yyy erstellt und ich brauche daraus schnell folgende Logos zur Verwendung bei …“

„Okay.“

#Aufschrei

Lange habe ich überlegt, ob ich irgendwas Flammendes zur laufenden #Aufschrei-Diskussion auf Twitter schreiben sollte. Aber eigentlich resigniere ich nur.

Und das liegt daran, dass stammhirnige Männer (im Geiste; die Einordung ist im Kern lebensalterunabhängig), die bisher – und vermutlich auch in Zukunft – keine Veranlassung sahen und sehen, ihre respektfreien Handlungsweisen im Alltag zu überdenken, sich weiterhin frei äußern dürfen ohne auch nur ansatzweise eine Grundscham zu entwickeln.

Das ist einfach nur peinlich.

Vermutlich hat jeder Mann seine #Aufschrei-Leichen im Keller. Und so wie Frauen manchmal erst darüber nachdenken müssen, ob sie solche Erlebnisse hatten – so tritt auch Männern der kalte Schweiß auf die Stirn, wenn sie kurz darüber nachdenken, was sie schon alles gesagt und getan haben, das genau in die #Aufschrei-Schablone passt.

Politiker sollten nicht den Fehler machen, den „undercurrent“, die tiefe, kraftvolle Strömung, die dieses wenige Tage alte „Twitterphänomen“ besitzt, zu unterschätzen. Achtet sehr darauf, was ihr sagt, welche Einsichten ihr zeigt und ob ihr weiter knackige Sprüche absondert, die euren begrenzten Horizont aufleuchten lassen. Wenn ihr es tut, seid auf einen vollständigen Dammbruch gefasst. Denn jede Frau hat diese Erlebnisse. Eure eigene, eure Töchter, eure Mütter.

Und, liebe Politiker, es ist eure Aufgabe, eine Haltung vorzuleben, die von tiefem Respekt der Menschen untereinander geprägt ist. Aber damit habt ihr ja ohnehin oft ein Problem.

In dieser Diskussion geht es neben fehlendem Respekt insbesondere auch um den Missbrauch einer Machtposition: Fragt eure Töchter, was sie an Schulen mit Lehrern erlebt haben. Fragt eure Frauen, was sie am Arbeitsplatz mit Kollegen und Vorgesetzten erlebt haben. Wenn ihr dann nicht vor Scham im Boden versinkt, habt ihr ein Problem, das ihr mit professioneller Hilfe angehen solltet. Die Zeit der Duldung ist abgelaufen. Stellt euch darauf ein, dass ihr künftig als Mentaldinosaurier wahrgenommen und belächelt werdet, wenn ihr euer Verhalten nicht ändert.

Ja, auch ich habe gesündigt. Manchmal habe ich es bemerkt. Sehr, nein, viel zu selten bekam ich dafür (verbal) eins in die Fresse. Aber ich habe es gespürt, wenn ich die #Aufschrei-Grenze überschritten habe. Und ich lernte daraus, mein Gegenüber deutlicher, weniger egomanisch und liebevoller wahrzunehmen; mehr Respekt zu leben.

Achtet euer Gegenüber. Immer.

Ich glaube nur an einen Gott

Und dieser Gott ist @derherrgott … und ich glaube nur an ihn, weil er selbst nicht an sich glaubt. Wer das besser verstehen möchte, konsultiere die göttliche Zentrale; von dort ausgehend wird der geneigte Leser mehr erfahren …

Nun hat mir @derhergott via Twitter kürzlich den Auftrag erteilt, einige Fragen zu beantworten. Da ich den Widerspruch „allwissend“ vs. „neugierig“ als schmunzelnd gläubiges Schaf akzeptiere UND heute auch noch der 29. Februar ist, hier meine Antworten auf die gestellten Fragen:

  1. Was war das Bekloppteste, das Ihr bislang träumen durftet?
  2. Welche Temperatur sollte Euer Essen im Idealfall haben?
  3. Welches Thema interessiert Euch weltweit von allen Nachrichten am Allerwenigsten und warum?
  4. Wen würdet Ihr zum Weltpräsidenten ernennen (mit Begründung)?
  5. Wenn Ihr ohne Einschränkungen finanzieller oder zeitlicher Natur ein Hobby ausüben könntet, was wäre das?

1. Beklopptentraum:

Als Kindergartenkind habe ich mal geträumt, dass ich auf Stegen, die zwischen himmelshohen hölzernen Türmen verlaufen, weite Strecken überwinden kann.

2. Essenstemperatur:

Perfektion: die selbstgemachten Wan-tans von @ne_ratte – gerade nachdem die Knusperwunder ihr überschüssiges Fritieröl auf Küchenkrepp abgelegt haben. Heissssss!

3. Nachrichtendesinteresse:

Jedwede Jammerbankernews.

4. Weltpräsident:

Nelson Mandela. Wer meint, es diskutieren zu müssen: erstmal seine Biographie lesen. Dann können wir uns unterhalten.

5. Hobby:

Ich fürchte, dann würde ich Dampflokomotiven sammeln und Kindern beibringen, damit zu fahren.

Damit genüge ich meiner göttlichen Berichtspflicht – und sprenge die Kette.

<verneig>

Gedankenhalde 2001 … 13

wenn tag und nacht die plätze tauschen
kriechen die gedanken aus ihren höhlen
hüllen den alltag in den feuchten nebel
der ratlosigkeit, der entschlüsse und der veränderung

glücklicherweise weht der erneute tausch
von tag und nacht den nebel wieder fort
und der morgendliche neubeginn vernebelt
die entschlüsse und die ratlosigkeit vor dem tausch

bis der letzte tausch vollzogen ist.

Hamburg-Mannheimer … mehr vom Leben!

Eigentlich wollte ich die der Prostitution frönenden Versicherungsvertreter ihrer armseligen Wege ziehen lassen … aber seit ich heute eine offizielle Stellungsnahme der ERGO zu einem Teilaspekt einer ähnlich unsäglichen Veranstaltung auf Malle gelesen habe, muss ich mein Schweigen brechen:

Liebe ERGO, ihr gebt gerade sehr viel Geld dafür aus, euch als „andere“ Versicherung in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Darf ich euch ein Geheimnis verraten? Mit den aktuell bekannt gewordenen „Enthüllungen“ (sic!) habt ihr einen Großteil des zu diesem Zweck aufgewendeten Geldes offiziell verbrannt. Habt ihr schon viele Dankschreiben eurer Kunden erhalten?

Ein Tipp:

Beginnt BLITZARTIG ultratransparent zu machen, wieviele dieser beeindruckenden FreePopping-Veranstaltungen für frustrierte Klinkenputzer ihr veranstaltet habt – oder packt einfach direkt ein.

Und noch ein Tipp:

Gebt der armen Pressesprecherin, die ihr Gesicht dafür hergeben musste, der Welt zu erklären, dass man das Salz zum Tequila SCHNUPFT, die ganze Kohle, die ihr in den nächsten 10 Jahren für solche Veranstaltungen eingeplant hattet. Sie hat jeden Cent davon sauer verdient.

Gedankenhalde 2001 … 11

ich betrete den fahrstuhl

ein mann eilt mir hinterher,
schlüpft durch die sich schließenden türen.

draussen, im rollstuhl sitzend, schlägt die freude
meiner großmutter in tränen um,

die türen schließen sich abermals.

„sie werden geliebt“, sagt der fremde mann zu mir.

„ja“ stimme ich erstaunt zu, „das stimmt.“

wir wünschen uns einen schönen abend und trennen uns.