Die Abgeschnittenen

Es ist 1989. Du bist Mitte 20 in dem Teil der Welt, der kurz darauf als Neufünfland bekannt werden wird. Irgendwo in einem kleinen Städtchen arbeitest du seit ein paar Jahren bei einem volkseigenen Betrieb und machst etwas, wofür du Geld bekommst. Du ahnst, dass die Welt sich auch weiterdrehen würde, wenn du diese Tätigkeit nicht ausführen würdest. Oder dass jeder andere sie ebenfalls ausführen könnte. Du bist nicht an dieser Stelle, weil du es dir ausgesucht hast. Man befand, dass du dort hinzupassen hast.

Du wurdest in eine Welt geboren, in der deine Eltern über Jahrzehnte lernen mussten, mit offener und verdeckter staatlicher Gewalt umzugehen. Staatliche Gewalt, die andere Ziele verfolgt als sie offen kommuniziert. Was deine Eltern dabei lernten, gaben sie dir mit. Damit es dir ein bisschen besser geht als ihnen selbst, damit du dich etwas unauffälliger – und damit freier – in dieser Umgebung bewegen kannst.

In dieser Welt wurde früh festgelegt, wie weit deine akademische Karriere führen wird. Es wurde festgelegt, abhängig von Faktoren, die du nur ahnen konntest, wo du dein Arbeitsleben mit welcher Tätigkeit verbringen wirst. Je häufiger du aneckst, desto eher gefährdest du diesen vorgezeichneten Weg. Nicht zum Besseren, immer zum Schlechteren.

Dann kam der Zusammenbruch. Irgendwann ist es nicht nur ein Gerücht, nein, es dringt selbst zu dir durch, dass in den großen Städten etwas passiert, dass alles verändert. Weder du, noch deine Eltern, nicht deine Vorgesetzten, kein Politiker – schlichtweg niemand – ist darauf vorbereitet, was kommt. Alle haben nur Angst, dass Panzer rollen.

Doch es rollen keine Panzer. Es rollt der Kapitalismus. Vorneweg rauscht Helmut Kohl durchs Menschenmeer und verkündet, dass alles gut werden wird. Man müsse nur schnell machen, was er sage. Sonst gehe das kurze Zeitfenster wieder zu, dass die Gschischde den Deutschen gerade geöffnet habe, um sich wiederzuvereinigen.

Nun geschieht der große Betrug an zwei deutschen Völkern. Es wird erklärt, eine Wiedervereinigung sei nur möglich, in dem der kleine Staat dem großen „beitrete“. Damit wird das revolutionäre Volk im Osten ebenso betrogen wie das solidarische im Westen. Im Freudentaumel geht unter, dass dem Westen, per Grundgesetz, versprochen war, sich endlich eine demokratische, gesamtdeutsche Verfassung zu geben, falls es jemals soweit kommen sollte. Denn das Grundgesetz heißt Grundgesetz, weil seine Väter bewusst das Signal setzten, dass es Übergangscharakter hat – bis es endlich eine richtige Verfassung geben kann. So haben wir das im Westen in der Schule gelernt.

Um diese Verfassung hat man den Osten und den Westen gleichermaßen betrogen. Man hat dem Osten demonstriert, dass der Kapitalismus gewonnen hat. Und dem Westen erklärt, dass Solidarität bedeutet, bedingungslos und auf das Killerargument der Vereinigung gestützt, dass mehr gearbeitet, mehr geschwiegen, mehr auf die Führung gehört werden muss. So hat man dem Westen abgewöhnt, solidarisch zu sein. Und dem Osten jegliche Erfahrungswertschätzung geraubt.

Nun ist es 1990. Es gibt nur noch ein Deutschland.

Wenn du die Kraft hast, wenn du die Ausbildung hast, wenn du die Unabhängigkeit hast, gehst du in den Westen. Nicht, weil es dort so toll ist. Nein, weil du dort ein Leben aufbauen kannst, ohne lange warten zu müssen. Du bist jung, du ziehst in eine westdeutsche Großstadt.

Zurück bleiben die, die von der Führung im Osten um ihr Leben betrogen wurden. Die gerade von den salbungsvollen Worten der westdeutschen Politiker eingelullt werden. Die darauf warten, dass diesen Worten Arbeitsplätze und Wohlstand folgen. Aber das passiert nicht. Denn: Jeder ist seines Glückes Schmied!

Und schon sind wir im Jahr 2015.

Du bist noch immer im Westen, weil es für dich im Osten keinen Platz gibt. Du bist gut ausgebildet und gewohnt, anspruchsvollste Aufgaben zu erfüllen. Doch Unternehmen, die solche Mitarbeiter brauchen, haben sich noch immer nicht im Osten angesiedelt.

Deine Jugendfreunde, deine Eltern, deine Verwandten – sie alle sind noch im Osten. Während du 25 Jahre Entwicklung und Karriere hinter dir hast, warten die Zuhausegebliebenen noch immer darauf, dass die Politiker ihr Versprechen erfüllen. Nämlich die Lücke zu schließen, die den Unterschied zwischen versorgten Kreaturen im Zoo und selbstbestimmten Menschen ausmacht. Über ihr ganzes Leben hinweg haben sie aber nur eines lernen dürfen: Dass Politiker nur Scheiße erzählen.

Rund um Deutschland herum bricht die Welt zusammen. Menschen machen sich auf, in Ländern unterzukommen, in denen stabilere Verhältnisse herrschen. Und nun sehen alle Abgeschnittenen, im Westen wie im Osten, nur aufgeregt agierende Politiker, die in kürzester Frist Geld in die Hand nehmen um akute Probleme zu lösen. Sie sehen eine berichtende Presse. Sie sehen Leid. Und sie setzen es mit ihrem eigenen gleich.

Die Abgeschnittenen haben ihre Hoffnungen lange verloren. Sie wollen nicht auch noch ihre Abgeschnittenheit verlieren. Also werfen sie Steine nach dem Goliath „Staat“. Sie wollen nicht die Flüchtlinge treffen, jedenfalls nicht wirklich. Sie wollen eine Poltik treffen, die sie vergessen hat.

Ein Gedanke zu „Die Abgeschnittenen“

  1. Ja, die Bilder kristallisieren sich nachgerade heraus in diesen Zeiten! Die einlullende Kuscheldecke wird uns von völlig ungeahnter Seite mit einem sehr heftigen Ruck entzogen und man blickt auf den Scherbenhaufen, den die Konzernokratie und die ihr andienende Politik uns hinterlässt.
    Erst heute morgen kam auch mir das Bild vom Kartenhaus in den Sinn, dessen instabiles Gleichgewicht nun den entscheidenden Impuls zum Zusammenbrechen erfahren hat. Ich hoffe zwar, glaube es aber nicht wirklich, dass wir NICHT äußerst beunruhigenden Zeiten entgegensteuern!
    Danke für Deine Gedanken aus zwei Blickwinkeln!

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