Casino Wiesbaden, 1998

Krawatte, 20, sucht hageren Angestellten

Casino Wiesbaden, 1998

Ein Besuch in der Wiesbadener Spielbank

„Personalausweis bitte!“ – Pause – „Ihr erster Besuch hier?“
Der Mann, der hinter der Theke sitzt und mich über seine reichlich aus der Mode gekommene Brille hinweg kurz aber präzise ansieht wie ein Zöllner stellt seine übliche Frage.

Es ist der erste Besuch: „Ja.“ – „Fünf Mark, bitte“.

Sein Geld zu verjubeln erfordert also sittliche Reife und einen Heiermann. Außerdem sollte man sich das Blut zum Kopf hin mit einer Krawatte abbinden, damit es nicht so schwer fällt, sich von seinem Geld ohne reale Gegenleistung zu trennen. Zu allem Unglück muß ich meinen übergewichtigen Körper auch noch in ein Jackett zwängen. Der Preis ist also hoch – schon bevor ich mein Geld sinnlos verschwenden darf.

Da setze ich nun unsicher einen Fuß vor den anderen in diesen Tempel des Kapitalismus, schon auf große Entfernung als Neuling erkennbar. Auf den ersten Blick fasziniert mich eigentlich nur die von mir nicht erwartete technische Perfektion des Geldverschwendens. Ich lerne, daß auf säulenförmigen Displays die hinter den Roulettetischen angebracht sind, die zuletzt gefallenen Zahlen angezeigt werden. Zahlen, von denen die geübten Besucher glauben, ihre Gewinnchancen ableiten zu können.

Ich war vor dem Besuch sehr unsicher, ob dieser erste Besuch in der Wiesbadener Spielbank eine schlummernde Leidenschaft wecken könnte, eine Leidenschaft die mich um Kopf, Geld und Kragen bringt. Doch obwohl sich in meiner Tasche ein 50 DM-Jeton befand, stellte sich zu keinem Zeitpunkt der Wunsch ein, ihn auch einsetzen zu wollen. Schon früh habe ich den Jeton weitergegeben an einen Mitbesucher, der Spaß an diesem Besuch und dem Spiel hatte.

Trotzdem war der Besuch erstaunlich kurzweilig, immerhin war ich etwa zweieinhalb Stunden immer im Kreise um die Tische unterwegs. Leider habe ich mein Zeitgefühl während des Besuches weitestgehend verloren, aber ich denke, ich war etwa eine Stunde lang damit beschäftigt, einen Überblick über die Größe des Kasinos und die Rituale beim Roulette zu gewinnen. Von der flächenmäßigen Größe war ich ernstlich enttäuscht, ich hatte es mir weitläufiger vorgestellt. So schwebte über allem trotz des umherfliegenden Geldes der Hauch der Provinzialität. Schlußendlich paßt das aber ganz gut zu Wiesbaden. Um diese Enttäuschung auszugleichen, hatte man offenbar viel Geld in die Ausstattung der Räume investiert. Obwohl das ganze Kurhaus durchaus nicht auf Bescheidenheit ausgelegt ist, sticht die Spielbank gegenüber dem Rest des Gebäudes doch ziemlich heraus. Auch das paßt zu Wiesbaden.

Die größte Enttäuschung war aber das anwesende Publikum. Da ich vorurteilsgerecht gekleidete Personen mit geldadeligem Habitus erwartet hatte, mußte ich ziemlich umdenken. Als größte und wichtigste Besuchergruppe war ein Typ auszumachen, den ich mal als karriereunterbrochenen mittleren Angestellten bezeichnen möchte, der einen großen Teil seines verfügbaren Einkommens auf die verschiedenen Felder der Roulettetische fallen läßt und daher in vielen Bereichen des täglichen Lebens Abstriche hinnehmen muß. Billige Kassenbrillen, gepaart mit Jackets aus den 80er Jahren und zu bunten Krawatten sowie einer hektischen, gejagten Ausstrahlung zeichneten diese Besuchergruppe aus. In den Händen hielten sie stets eine große Zahl von 10 bis 50 DM-Jetons. Diese Gruppe, erweitert um eine Vielzahl von südländisch aussehenden hageren Menschen in schlecht sitzenden Anzügen stellte bei weitem die größte Gruppe.

Ein Besucher stach aus der Masse etwas heraus: Er bezog seine Ausstattung wohl aus den gleichen Geschäften wie die Hageren, war aber übergewichtig bis fett – und bezog seine Freude daraus, bei einem Croupier einen 10.000 DM Jeton wechseln zu lassen. Ein doch ziemlich überflüssiger Auftritt, der wohl den Zweck hatte, eine Ansammlung von drei recht gewöhnlichen Damen auf sich aufmerksam zu machen.

Diese Damen, eine dunkelhaarige und zwei Blondinen hatten dieselbe Masche gemeinsam – sie waren bemüht, unschuldig zu wirken und gaben sich besonders amüsierwillig. Der Mann, dem ich meinen 50 DM Jeton übergeben hatte, machte sich den Spaß, immer auf die selben Zahlen zu setzen wie die beiden blonden Perlen – die beste Entscheidung des Abends, denn er gewann auf diese Art wohl einige hundert Mark. Da fällt es schon etwas schwer, an Zufall zu glauben. Zumal auch die sehr kommunikativ veranlagte Dunkelhaarige „ich bin heute das erste Mal hier!“ dreimal in Folge gewann.

Meine potentiellen Lieblings-Spielbankbesucher waren jene, die hektisch an den Tisch gelaufen kamen, schnell an ein paar neuralgische Punkte ihre Jetons warfen um dann sogleich weiter zu laufen. Nach einigen Minuten und diversen Spielrunden kamen sie dann an den Tisch zurück, um sich davon zu überzeugen, daß ihr Geld auch wirklich verloren war. Glücklicherweise wurde ich auch einmal Zeuge wie das eintrat, was dabei eigentlich unvermeidlich ist – zwei Herren stritten sich darum, wem nun eigentlich der Gewinner-Jeton gehöre. Die vier rund um den Spieltisch plazierten Croupiers konnten oder wollten nichts zur Aufklärung beitragen und blickten nur etwas hektisch um sich. Nach etwa fünf Minuten erstarb der Streit ohne mir erkennbare Lösung. Ich muß also die Aufklärung schuldig bleiben. Aber wahrscheinlich gilt auch hier die Regel, daß im Zweifelsfall immer die Bank – und damit das Haus – gewinnt.

An einem anderen Tisch gab es einen ähnlich gelagerten Vorfall; dort hatte es offenbar ein Mißverständnis zwischen Croupier und Spieler gegeben, der auch noch unglücklicherweise dazu führte, daß der Spieler eben keinen Gewinn einstrich, obwohl er schon seine gierigen Finger nach den Jetons ausstreckte. Erst nach Ablauf einer etwa 10-minütigen Diskussion mit dem Chef des Tisches glätteten sich die Wogen wieder etwas. Zurück blieb ein übler Nachgeschmack.

Festzuhalten bleibt, daß man offenbar aufpassen muß wie ein Luchs, was mit den eigenen Jetons auf dem Tisch so passiert – was die Unart der „Umherrenner“, einfach Jetons fallenzulassen und irgendwann zum Tisch zurückzukehren, noch unverständlicher macht. Egal wie – das Haus gewinnt jedenfalls immer.

Die nächste Gruppe, die mir besonders erwähnenswert erscheint, ist die der „freigelassenen Hausfrauen“. Sie zeichneten sich zum einen durch ihre ausgesprochen geschmacklose Garderobe aus. Für Frauen gelten offenbar keinerlei Bekleidungskonventionen zum Betreten der Spielbank, bei diesen Exemplaren wäre es sinnvoll gewesen. Der zweite Punkt, der sie aus der Masse hervorstechen ließ, war der Blick, den sie mir erwiderten. Kein anderer Besucher nahm es zur Kenntnis (oder zumindest taten alle so), daß ich sehr interessiert beobachtete was so an den Tischen passierte. Nur die Gruppe der bunten Hausfrauen mittleren Alters fühlte sich sichtlich ertappt. Ihre Stimmung war ohnehin erstaunlich schlecht. Der gesamte Auftritt der Damen schrie eigentlich nach ausgelassener Heiterkeit; dem war aber nicht so. Wahrscheinlich hatten sie schon das gesamte Haushaltsgeld ihrer Gatten in den Schoß der Spielbank gefeuert und waren nun verzweifelt bemüht, ihre letzten Kröten zurück zu bekommen. Und ich beobachtete sie auch noch dabei.

Womit wir zur letzten und aus meiner Sicht wichtigsten Besuchergruppe kommen: Die Frischlinge. Da ich im Rahmen einer größeren Gruppe die Spielbank besuchte, konnte man sehr schön sehen, wer schon Routine beim Spielen hatte und wer nicht. Außerdem konnte man sehr schnell sehen, wer anfällig ist für die Verlockungen des schnellen Geldes und wer glaubt, sein Glück steuern zu können. Es ist schon erstaunlich, wie schnell aus einem eigentlich als Gag gedachten Spielbankbesuch eine ernsthafte Angelegenheit werden kann, bei der zu allen Zeiten mit Bedacht und „kalkuliertem Risiko“ gehandelt werden muß. Jedenfalls war zu beobachten, daß in unserer Gruppe quasi jeder denkbare Typ vorhanden war – mit sehr unterschiedlichen Toleranzschwellen gegenüber den anderen. Wie bei vielen Situationen im Leben war hier, in vielleicht besonderem Maße, zu beobachten, wie schnell aus einem Spiel Ernst werden kann.

Mich hat es abgestoßen, zu beobachten, wie ein Tisch der voll von Jetons im Wert von, sagen wir einmal als mittlere Zahl, 900 Mark war, einfach an die Bank geht. Alle Spieler sind enttäuscht, empfinden aber offenbar eine Reiz dabei, der sich mir aber nicht erschloß. Schließlich kann man ja auch ebenso gut gewinnen. Ich habe extreme Schwierigkeiten, die Willkür beim Roulette zu ertragen. Man hat als Spieler keinerlei Einfluß auf den Ausgang. Das Spiel hat nichts mit Wissen oder Erfahrung zu tun, man ist immer davon abhängig, wie die Kugel fällt. Dies, zusammen mit dem zum Teil ausgesprochen ärmlichen Erscheinungsbild der Spieler, hat sehr abstoßend auf mich gewirkt. Es hat einfach alles den Anschein einer Halbwelt, die mit einem dünnen Firnis von Eleganz überzogen ist, der aber an allen Ecken und Enden abgestoßen und spröde ist. In diesem Zusammenhang war die Abwesenheit von „echtem“ Geld ausgesprochen interessant und aufschlußreich.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, daß das Casino erstaunlich gut besucht war. Wir waren an einem Freitag Abend, ab ca. 23.30 Uhr in der Spielbank. In der Zeit bis etwa 2.30 Uhr, als ich ging, hat die Zahl der Besucher nur unwesentlich abgenommen. Um jeden der drei aktiven Roulettetische standen etwa 15 Personen, die wechselweise auch spielten. Auch an der Überzahl der Black Jack Tische war immer etwas los und dann gab es noch die Umherstreunenden wie mich. Alles in allem war es regelrecht voll.

Ich hätte auch gerne Bilder zur Untermalung dieses Berichtes geliefert, immerhin hatte ich die Kamera in der Hosentasche. Aber das Risiko, beim Fotografieren erwischt und aus den Räumlichkeiten entfernt zu werden war mir dann doch zu groß. So ist das erste Bild erst draußen, vor dem nächtlich oder besser morgendlich beleuchteten Kurhaus entstanden, um etwa 2.30 am Samstag Morgen.

Immerhin bin jetzt eine Erfahrung reicher und weiß, daß ich keine Spielbank brauche. Mir reicht der Nervenkitzel, bei einem anstehenden großen Lotto-Jackpot einen Spielschein für wenige Mark zu kaufen. Da scheint mir das Preis-/Leistungsverhältnis zu stimmen. In der Spielbank fällt zu wenig Geldadel umher um den hohen Einstandspreis zu rechtfertigen.

[ RetroStyle: von 1998 · alte Rechtschreibung · Deutschmark! ]

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