Wege – Ziele – Lebenserfahrungen

Gestern wollte ich meiner blechernen Lust nachgehen und mir ein Auto ohne Dach anschauen. Welch‘ lehrreichen Werkstattbesuch sollte ich vor mir haben …

Da ich soetwas schon öfter gemacht habe, weiß ich, dass es stets besser ist, sich gebrauchte Autos möglichst nicht alleine anzusehen. Idealerweise sollten sich die visuellen und kommunikativen Kompetenzen der beteiligten begutachtenden Personen möglichst nicht allzu sehr überschneiden; auf diesem Weg können viele Eindrücke in kurzer Zeit in die Bewertung aufgenommen werden.

Kurz und gut; ich wusste einen Nachbarn und Kenner der betreffenden Fahrzeuge an meiner Seite, der sich glücklicherweise Zeit für mich nahm. Denn so wurde aus dem Ausflug eine gemeinsame Lebenserfahrung – und es blieb keine reine Zeitvergeudung.

Konkret wollte ich mir dieses Auto genauer anschauen: 

Macht doch eigentlich einen soliden Eindruck, oder? Da steht – unter anderem:

Scheckheft gepflegtes Liebhaberfahrzeug. 2 Inspektionen pro Jahr, kein Reparaturstau! Dach, Auspuff, Bremszylinder u. Bremsen bei 210.000 km neu. Getriebew, Motor u. Servolenkung komplett überholt. Hohlräume etc. versiegelt.

Sollte das stimmen, ist der Preis von 7.900 € mehr als okay. Dafür kann man schon mal ein paar Kilometer fahren, dachte ich …

Als wir auf den Hof eines Saab-Spezialisten in Süddeutschland rollten war schnell klar, dass wir den Weg wegen dieses Wagens nicht auf uns hätten nehmen müssen. Denn korrekterweise hätte die Beschreibung eher gelautet:

Teileträger ohne Aussicht auf TÜV, offenkundige Durchrostungen an Radhäusern/Einstiegen/Kotflügeln vorne und hinten, schlechter Allgemeinzustand, weitgehend komplett, elektrohydraulisches Verdeck defekt, Motor läuft (unrund), Bremsen fest, Unfallschaden? (Spaltmaße), Kofferraum leider verschlossen (Schlüssel?), zum Teil beträchtlicher Rost an tragenden Teilen – Verkauf erfolgt ohne Garantie und nur an Wiederverkäufer! Preisvorstellung: 2.000 €.

Die Hohlräume des Wagens waren sicher versiegelt. Ich vermute: primär durch Rost. Das Auto war in einem völlig verdreckten Zustand. Während mein Begleiter dankenswerterweise das überbordende Kommunikationsbedürfnis des Verkäufers absorbierte, schaute ich mir den Wagen – nun auf einer Hebebühne – genauer an. Nachdem der Verkäufer das dritte Mal darauf hingewiesen wurde, dass ich der potentielle Käufer bin und nicht mein Begleiter, wandte sich der Fahrzeugbesitzer schließlich an mich. Doch bevor er das Füllhorn seiner Begeisterung nun auch über mich ausschütten konnte, teilte ich ihm knapp mit, dass ich sicherlich nicht der Käufer dieses Fahrzeugs werde. Er gab sich sehr erstaunt …

Also habe ich ihm alle Stellen gezeigt, von denen ich annahm, dass sie massive Durchrostungen darstellten. Er klopfte ein wenig daran herum und wirkte unverständig. Ich sagte ihm, dass der stochernde Einsatz eines Schraubendrehers an diesen Stellen Wunder wirken würde. Neugierig nahm er seinen Schlüsselbund hervor und wollte damit beherzt gegen eine bezeichnete Stelle drücken. Doch viel Widerstand bot sich seinem Andrang nicht; ein bröseliges „flufllfffch“ war seine Antwort.

Nun änderte sich blitzartig seine Verkaufstaktik: wir durften Angebote unterbreiten; er selbst startete mit 3–4.000 €. Doch, wie gesagt, niemand von uns hatte Interesse an einem Teileträger. Dann ließen wir den Verkäufer zunächst mit einem Werkstattangestellten am Fahrzeug zur Diskussion des Status quo zurück. Wir wollten uns ein wenig umsehen, was in dieser bekannten Kfz-Unternehmung an interessanten Saabs herumstand. Zu unserem Entsetzen erwies sich auch das als eine mehr als ernüchternde Erfahrung.

Die ungepflegten Werkstatt- und Ausstellungsräume waren vollgestopft mit teilzerlegten Motoren bzw. Autos in einem Zustand, der auch nicht in einem einzigen Fall den sonst leicht auszulösenden „haben wollen“-Reflex verursachte. Stets war etwas auffällig merkwürdig an den Fahrzeugen – was in diesem Kontext, an diesem Ort, wirklich mehr als ungewöhnlich ist. Konsterniert schauten wir uns das ein oder andere Fahrzeug in der Preisregion bis zu 20.000 € an. Nicht, um zu kaufen – eher, um zu schauen, was man dafür wohl bekommen mag. Und auch das war mehr als ernüchternd. Leider kamen wir nicht an alle Autos überhaupt heran; denn alle Räume waren dermaßen vollgestellt, dass die Autos mit angeklappten Seitenspiegeln dicht an dicht abgestellt waren – keine Chance.

Um Atem zu schöpfen suchten wir das Außengelände auf. Dort wurde die Situation richtig jämmerlich. Alles, was draußen stand, waren rostzerfressene Grotten in einem so gottserbärmlichem Zustand, dass es wahrlich beklommen machte. Mein Begleiter setzte sich daraufhin wieder in unser Reisefahrzeug. Ich hingegen wollte noch eine Visitenkarte hinterlassen – als Erinnerung; falls einmal ein Wagen in meiner Wunschkonfiguration auftauchen sollte.

Ich trat zum laufenden Gespräch zwischen Wagenbesitzer und Werkstatteigner hinzu. Mein fester Wille war, gut gelaunt und konstruktiv dieses fruchtlose Erlebnis zu Ende zu bringen. Auch das hat dann nicht so geklappt, wie ich es mir gewünscht habe:

Denn der Werkstatteigner, unter dem rostigen Leichnam eines Saab 900 Cabrios stehend, hielt gerade eine längliche und ehrabschneidende Rede über Menschen, die keine Ahnung von Autos haben und lieber etwas anderes kaufen sollen; VW, Toyota (sic!), BMW oder Mercedes. Wobei er, ohne den Satz zu unterbrechen, direkt darauf zu sprechen kam, dass besonders diese Fahrzeuge nach nur fünf bis sechs Jahren schon Durchrostungen aufweisen würden – und nicht erst nach 24 Lenzen. Ich lächelte ihn freundlich an, drückte Anerkennung für seine Auffassung aus und gab nur kurz zu Protokoll, dass ich das anders sehe – und mir das vorgestellte Fahrzeug für den angedachten Zweck leider zuviele bedeutende Roststellen aufweist.

Spätestens an dieser Stelle hätte ein schlauer Verkäufer sich meiner Schmerzen – insbesondere wenn er gut 20 Fahrzeuge quasi übereinander gestapelt herumstehen hat – liebevoll angenommen und die Gelegenheit genutzt, sich für die rund 400 Kilometer Anreise in aller Bescheidenheit zu bedanken … um mir anschließend ein Angebot zu unterbreiten, das ich wegen seiner betörenden Kraft leider nicht ablehnen kann … doch: weit gefehlt. Dieser Mann genügte sich darin, mich von Angesicht zu Angesicht als inkompetent hinzustellen. Und dabei fühlte er sich offenkundig mehr als wohl.

Da habe ich meine Visitenkarte wieder eingesteckt, den Herren Glück für ihre weiteren Geschäfte gewünscht und mich wieder in meinen – vermutlich auf diesem Hof bereits blitzdurchgerosteten – Toyota gesetzt. Das beschriebene Unternehmen wird mich jedenfalls niemals wieder sehen. Und ich empfinde das wahrlich nicht als Verlust, sondern als Erleichterung.

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