Über den wissenschaftlichen Ehrbegriff

Unser Selbstverteidungsminister Guttenberg ist im Februar aufgeflogen. Nachdem er in allen vorherigen Konstellationen stets einem Team vorstand, dessen Gesamtleistung in der Öffentlichkeit als „below par“ eingeschätzt wurde, steht er nun mit seiner Doktorarbeit ohne mögliche andere „Mitschuldige“ nackig in freier Natur.

Dabei macht er eine relativ schlechte Figur, was ich ziemlich unsouverän finde. Menschlich, aber schade. Aber auch darum geht es mir nicht. In der öffentlichen Diskussion fehlt mir die korrekte Gewichtung eines Punktes, den ich für entscheidend halte:

Egal, ob man seine Doktorarbeit am Ende tatsächlich als „Plagiat“ einschätzt oder nicht: wo bleibt hier eigentlich der wissenschaftliche Stolz eines Doktoranden? Wieso ist gerade ein Mitglied sogenannter elitärer Zirkel nicht in der Lage, die Erstellung einer Doktorarbeit als den krönenden Abschluss einer wissenschaftlichen Ausbildung, als sinnstiftenden Abschluss eines Lebensabschnitts zu betrachten? Als geeigneten Zeitpunkt, einer Gesellschaft etwas zurückzugeben, was sie ihm erst ermöglicht hat?

Offenbar steht aber nicht der Erkenntnisgewinn für die Menschheit – worin ich naiverweise den Zweck einer wissenschaftlichen Arbeit auf dem Niveau einer Doktorarbeit sehe – im Vordergrund, sondern die effektive Erlangung eines Titels. Im Kabinett Merkel scheint es eine allgemein geschätzte Vorgehensweise zu sein, junge aufstrebende Menschen mit zugedrückten Augen beschleunigt dem erfolgreichen Leben entgegenstreben zu lassen. Denn es gibt ja noch ein feines Vorbild, welches vom strengend Duft der Vorteilsnahme umweht wird: unsere Familienministerin (heute „Frau Schröder“) hat es auch trefflich verstanden, Partei-Netzwerke so zu nutzen, dass die Erstellungszeiträume und Inhalte der eigenen Doktorarbeit „optimiert“ werden können. Das scheint die Presse aber schon wieder vergessen zu haben.

Was ich an dieser Stelle auch nicht vertrage: die Herausrederei, dass diese Art der Arbeit ja besonders modern sein; weil vernetzt und sich aus vielen Quellen bedienend. Das, liebe Betrüger, gilt nur für jene, welche die freie Verfügbarkeit von Information nutzen um etwas Neues zu erschaffen, für jene, die verstanden haben, dass der Austausch mit anderen die Basis der wissenschaftlichen Arbeit ist. Sich bedienen und Quellen verschweigen ist entweder ein Zeugnis fahriger Arbeit (dafür dann einen „Doktor“, gar mit „summa cum laude“?) oder ein Versuch des Betrugs zur Erlangung eines Titels, der einem nicht zusteht. Beides darf nicht ungeahndet bleiben. Zusammenarbeit: ja, vernetzt: ja. Aber bitte stets mit wissenschaftlich korrekter Quellenangabe. Immer! Und ganz besonders, wenn ich über die Quelle einen lebenslangen Vorteil zu erlangen gedenke.

Ich fordere Sie zu mehr Sorgfalt auf, Herr Guttenberg. An dieser Stelle – und offenbar auch bei Ihrer Arbeit im Ministerium. In mir wächst die Erkenntnis, dass der „Verteidigungsfisch“ ganz beträchtlich vom Kopf her stinkt.

Achtung, Verantwortung! Sonst wird dieser gut dokmentierte Fall die Promotion in der Öffentlichkeit völlig entwerten und den Doktortitel bald auf das Niveau früherer Abiturzeugnisse entwerten. Aber vielleicht ist es auch schon lange so.

Ehre, wem Ehre gebührt.

Dem Rest der Anwärter gehört der Titel verweigert; gerne mit einer öffentlichen Erörterung darüber, was die wissenschaftlichen Voraussetzungen, der gesellschaftliche Wert und die menschlichen Qualitäten zur Erlangung eines wissenschaftlichen Titels sein sollten. Ich bin der Meinung, dass eine nach außen gekehrte, stets sichtbare Auszeichnung auch mit einer zumindest vorzeigbaren inneren Haltung einhergehen muss.

Aber da gibt es wohl noch viel zu tun.

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